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Die Geschichte des Bieberprojekts

Alles begann im Labor des organisch-chemischen Institut der Universität Würzburg, wo Bieber in den wilden 68gern grundlegende Einblicke und eine strenge Ausbildung als Studierender der Naturwissenschaften bekam. Hier wurde bereits das Interesse für die Farbstoffchemie nachhaltig geweckt.

Ein geschenkter persischer Nomadenteppich, Ropers Buch "morgenländische Teppiche" und die erste Reise nach Anatolien im Jahre 1973 steigerten Biebers Interesse für die Textilkunst der Bauern und Nomaden in Anatolien.
Unzählige Besuche in kleinen und großen Teppichläden am Rande der Reiserouten schafften nach und nach ein Gesamtbild über die wunderbare Welt der orientalischen Bodenkultur.
Über die Jahre wuchs die private Sammlung und die Erfahrungen von Dr. Manfred Bieber, aber auch die Erkenntnis, dass die "Erfinder" des Teppichs schon lange ihrer alten Traditionen beraubt, nicht mehr "richtig" Färben konnten. Durch Massenproduktion und chemische Farben hatten die Teppiche und Flachgewebe "Seele" und Ausstrahlungskraft verloren.

Der Orientteppich im Zeitalter seines kulturellen Niedergangs könnte für Manfred Bieber in der Tat der Ausgangspunkt seiner unermüdlichen Rettungsversuche gewesen sein. Seiner Heimatstadt Würzburg müde geworden, machte sich Bieber 1981 mit seiner Frau Margit und seinen zwei Söhnen auf den Weg in die Türkei, um dort einen Lehrauftrag an der Erkek Lisesi in Istanbul anzunehmen. Um diese Zeit legte der Farbenliebhaber Harald Böhmer letzte Hand an sein DOBAG-Projekt, und einige andere Unternehmer in der Türkei, Europa und Amerika machten sich im neuen Teppichgeschäft selbständig. Moderne Antiquitäten zu schaffen ist wie Geld drucken - meinten viele Zeitgenossen - und es liegt nur eine dünne Linie zwischen der Herstellung originaler Kopien und Kopien vom Original.

Um diesem Irrtum vorzubeugen, hatte Bieber längst langjährige Feldforschung im Orient betrieben. Der Doktor der Naturwissenschaft verbrachte einen Großteil seiner Freizeit mit Ausflügen nach Anatolien. In Igdir am Ararat traf er auf Mehmet (Abb.1) und Isa Abuska , die er anschließend zum Färbern ausbildete, und auf Istanbuls Bazar begegnete ihm Yorgo (Abb.2), dem griechischen Kupferhändler, der einverstanden war, das Unter- nehmen zu finanzieren.
Mit Susan Altin (Abb.3), einer Weberin, die zuvor in Hereke gearbeitet hat, fand er eine talentierte Vorarbeiterin, und bald knüpfte eine Gruppe von gecekondu Mädchen fröhlich vor sich hin. Bieber kam nach dem Unterrichtstag in überfüllten Klassen nach Hause und tauchte - manchmal im wahrsten Sinne des Wortes - in die Färbekessel ein. Sein Wissen über die Farbfermentiation hatte er auf seinen Ausflügen mit seinem Kollegen Bernhard Fröhlig gesammelt, der ebenfalls am Erkek Lisesi unterrichtete.

In Bergama haben sie einen alten "Professor" für Färberei ausgemacht, der ihnen die Fermentationstechnik beibrachte. Die Rezepte wurden sorgfältig - wenn auch unwissenschaftlich - nach folgenden türkischen Standards geprüft: "Drei Tage Schafstall, drei Tage Bergbach, drei Tage Hochlandsonne " über drei Monate. Die Farben verbesserten sich.
Diese unkonventionelle Nachbehandlung bereitete schließlich den Weg für die Färbereien in Istanbul und Melas, wo Fröhligs Projekt mit einer kleinen Gruppe von Dorfbewohnern läuft. Sie haben einige vielversprechende Gewebe hergestellt, plus eine Reihe traditioneller Filze. In Istanbul tauchten diese Teppiche immer häufiger auf und wurden hauptsächlich an die europäische Enklave verkauft. Sie sind immer relativ teuer gewesen.

Die lange Fermentation (durchschnittlich 20 Tage) und handgekämmte, handgesponnene Wolle diktieren ein höheres Preisniveau. Das manuelle Kämmen sowie die Vorbereitung der Wolle kann so weit rationalisiert werden: Ein Spinner - ein Kilo - eine Woche. Die manuelle Vorbereitung der Teppichwolle macht den wesentlichen Unterschied zwischen diesen und anderen Teppichen auf türkischen Märkten aus.
Keine der Frauen - meist sind mit dieser Arbeit ältere Frauen beschäftigt - kämmt die Wolle gern, aber maschinell gekämmter Wolle fehlt der Charakter. Handgekämmte Wolle erzeugt sofort ihre eigene, lebendige Wirkung.
Die Irritationen in der türkischen Wirtschaft und die schwelenden Konflikte zwischen Mehmet und Yorgo führten zu einer Verlegung des Standorts. In Yürekli Köyü in der Region Bergama wurde ein geeigneter Standort für das Projekt ausgemacht. Ein Glücksfall wie sich nachträglich herausstellte, da die Knüpferinnen und Weberinnen die alten überlieferten Techniken beherrschten.

Heute befinden sich dort ein Knüpfatelier und eine Färberei für Naturfarb- stoffe. Gewebt und geknüpft wird nur in den Wintermonaten, um den Jahresrhythmus nicht zu stören.
Die Initiatoren des Betriebes sind bemüht, den bei den türkischen Knüpferinnen und Weberinnen noch vorhandenen, jedoch vom Bewährten weit Entfernten und schon sehr erstarrten Musterschatz neu zu beleben. Einmal in Gang gesetzt, soll sich das Projekt durch eigene Initiative tragen. Zielgruppen des Absatzes der gefertigten Teppiche und Kelims sind Sammler, Liebhaber und anspruchsvolle Teppichfreunde, die an einem langlebigen Gebrauchsstück ihre Freude haben wollen. Sie sind für Menschen gedacht, die Kommerzware nicht mögen, einen Teppich jedoch strapazieren wollen wie andere jene edlen Teppiche vor 300 Jahren, die wir heute so bewundern.