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Wanderschaft der schwarzen Zelte
Anmerkungen zur Kultur des Nomadenteppichs
nach Texten und Bildern von Hans Thoma aus Landshut

Cemce-Yayla, Ostanatolien, ein Tag im September. Ankunftauf der Hochweide. Am Saum der in dieser Höheganz unerwartet weiten, sanft gewellten Grasflächen kurze Rast. Mehmet wartet, bis sich sein weitauseinandergezogenes Einzelgängerteam gesammelt hat. Gemeinsamer Gang quer über die Wiesen. Buntes Knäuel von Anoraks, Rucksäcken, Wollmützen. Zwei Tragtiere dazwischen mit Packkisten und Kleiderbündeln. In schüsselförmiger Senke tauchen schwarze Zelteauf. Hunde schlagen an. Empfang und Begrüßungspielen sich ab, wie Sitte und Brauchtum es fordern. Mehmet gebietet seinem Trupp stehenzubleiben. Eine ganze Weile geschieht gar nichts. Dann kommt vom Lagerher ein einzelner Mann. Schirmmütze auf dem Kopf, dunklen Mantel lose über die Schultern gehängt, schlendert er ohne Eile auf die Ankömmlinge zu. Inbreiter Front rücken die Hunde an. Er pfeift sie zurück, sie vertrollen sich in der Weite. Mehmet schreitet seinerseits dem Hirten entgegen. Sie begrüßen sich gemessen. In der Lagermitte steht eine Gruppe von Männern, der Patriarch unter ihnen. Mehmet umarmt ihn ergeben, küsst ihn auf beide Wangen, stellt seine Begleiter vor. Der Scheich heißt sie förmlich willkommen. Die fremden Namen versucht er nachzusprechen, wie Manfredo der Christoph, muß lachen dabei. Dann weist er mitweit ausholender Gebärde hin über Zelte und Land:
“Dieser Bereich sei euer, bewegt euch sorglos und frei, Gäste seid ihr des Lagers, ihr steht unter unserem Schutz.”

Ein großes weißes Rundzelt ist vorbereitet als Haus fürdie Fremden. Man bittet sie hinein. Sie ziehen die Bergschuheaus, lassen sie vor der Tür stehen. Verwundertbetrachten die Hirten das schwere Schuhzeug. Mit lässiger Bewegung schlüpfen sie aus ihren sehr viel leichteren Galoschen und drängen sich mit ins Zelt. Es gibt Tee. Allmählich tauchen nun draußen Frauen auf. Sie reichen Kissen und Polster herein. Eines der prall gefüllten Kissen - teppichgeknüpfte Oberfläche, kelimgewebte Rückseite - kommt zu Manfred. Der wird ganz Still, hällt das Stück mit ausgestreckten Armen von sich, starrt verzückt auf das Muster. Dann beginnt er eineseltsame Geschichte zu erzählen, von einem heiligen Berg im Zentrum der Welt. - “Hast du jemals von den schönen Städten aus Marmor, Bronze und Granit erzählen hören, die man Susa, Persepolis, BabyIon, Memphis, Balbek und Palmyra nannte?” 

Er antwortete mir nur: ”Das Seil, welchesmeine Zelte hält, ist nur ein Seil. Aber es hat sie alleüberlebt. Das ist alles, was ich von ihnen weiß”. Aus: Alexandre Dumas, Rußlandreise/Kaukasische Fahrt, Hamburg 1964.

Vorgestern noch saßen die Fremden im Flugzeug. Inlandsstrecke Ankara-Erzurum, die DC 9 voll besetzt. Der Vorsitzende einer religiösen Heilspartei Necmettin Erbakan ist an Bord. Anhänger umschwärmen ihn, bieten Zigaretten, reichen Feuer. In den hinteren Reihen sitzen Manfred und Mehmet. Um sie verteilt eine Handvoll Freunde, der Journalist Christoph Thoma darunter und der evangelische Pfarrer Johannes Gortner. Dazu zwei Frauen, die studierte Ornithologin Dietlind Hußlein die eine. Die andere, Manfreds Schwester Roswitha, engagiert als Maskenbildnerin an einem deutschen Theater. Manfred, mit vollem Namen Dr. Manfred Bieber, Biologeund Chemiker, ist Lehrer am Würzburger Mozartgymnasium und gerade von eineml ängjährigen Lehraufenthalt am Istanbuler Erkek Lisesi zurückgekehrt. Initiator eines Projekts zur Wiederbelebung alter Herstellungsverfahren für anatolische Teppiche. Mehmet, aus dem fernen Araratdistrikt stammender Färbermeister, betreibt seit etlichen Jahren irgendwo am Stadtrand von Istanbul eine alchimistische Hexenküche für sanft leuchtende, unüberbietbar schöne Pflanzenfarben. Manfred und Mehmet sind auf demWeg in die Berge Ostanatoliens, Wolle zu kaufen für Teppiche alter Art. Den anderen Freunden ward die Erlaubnis zuteil mitzukommen zu den Händlern und Bauern. Und hinauf in die absonderliche Welt der nomadischlebenden Hirten und Herden. Die Stewardessen reichen Tee, Kaffee und Kuchen. Auf der Höhe von Kayseri kommt die ebenmäßige Pyramidedes Erciyas Dagh ins Blickfeld. Schmutzige Schneerinnen im erodierten Grau der kahlen Flanken. Unterdem Flugzeug herbstlich dürre Erde, ockerfarben und samtbraun die Steppe, fliederfarben bis violett Buschwerkund Wald. Blechdächer senden Lichtpfeile, ausgetrocknete Bachmäander zeichnen seltsame Muster, winzige Äckerchen tragen sparsames Grün und Gelb bei: Anatolien als bäuerlicher Teppich, sich wandelndübers Jahr. Müde und greisenhaft alt im Herbst. Im Winter voll Trauer und Schwermut. Zeitlos ewig in jedem Frühling neu sich schmückend mit bräutlichem Kleid. Anatolien, Land aus Asien gekommener Völker, ”die ihr Lächeln unter dem hängenden Schnurrbart sogarvor sich selbst noch verbergen” (Nazim Hikmet).

Am Airport von Erzurum großer Bahnhof für den Politiker. Mehmet hat Fahrkarten für den Linienbus nach Agri beschafft. Die weiteren Stationen: Agri, Cumacay, Ausweiskontrolle durch Jandarma-Soldaten mit Taschenlampe und Stahlhelm, Übernachtung im Haus von Mehmets Onkel, Vorsprache bei der Ortspolizei zur Registrierung und Einholung erforderlicher Genehmigungen, Anmietung zweier Packpferde, Abschied von den Quartiergebern.

Manfred ist dabei, das Teppichmuster zu kommentieren. Zu sehen ist, medaillonartig in der Mitte, ein vornehm verziertes auf die Spitze gestelltes Viereck. Streng geometrisch gegenüber jeder Breitseite ein Stern. DieFarben: Patiniert nachgedunkeltes Gold, sandfarbenes Beige, azurenes Blau. Der zentral gestellte Rhombus symbolisiere den heiligen Berg Meru in der Mitte der Welt. Zu seinen Seiten, hier als sternförmige Zeichen, den Himmelsrichtungen zugeteilt vier Kontinente. Für die Buddhisten hat das Universum den Grundrisseines gekreuzten Diamantzepters mit dem Berg Meruals kosmischer Achse. Den Tibetern ist der sechseinhalbtausend Meter hohe Kailash im Transhimalaya ihr Meru mit vier abgeschlossenen Bannkreisen an seinemFuß, von denen aus weltbeherrschende Flüsse die Richtungender Windrose durchströmen. Eskimos, Finnen, Mongolen, mit ihnen Tataren, Kirgisen, Uiguren, Usbekenals Hirtenvölker Innerasiens, sie alle kannten daskosmologische Bild vom heiligen Berg in der zentralenMitte der Welt, über dessen Gipfel der Polarstern funkelt.Besondere Türme wie der Borodur auf Java, diemesopotamischen Zikkurati von Assur, Babylon und Uruk wurden als von Menschenhand geschaffene Merus zu Mittelpunkten spezifischer Herrschaftsbereicheernannt, dominierend nach dem Willen ihrer - Bauherren über alle ”vier Gegenden der Welt. Minarette und Tempelsäulen erlangten die Wertigkeit symbolischer Erdachsen. Die Hauptpfosten von Yurteund Zelt hatten im famililären Bereich entsprechend kultische Bedeutung. Auf den Wanderschaften der schwarzen Zelte brachten turkmenische Nomaden eine Fülle in Teppichmustern verschlüsselter Nachrichten - und darin eben auch das Meru-Ornament - mit nach Anatolien. Mythen versunkener Zeit, die in geknüpften Metaphern Bestand haben bis heute. Nur dass unsere Zeit sie kaum mehr zu enträtseln vermag. Die Ornamentknüpfer selbst haben Ursprung und Herkunft, Bedeutung und Botschaft weitgehend vergessen. Um gewöhnliche Wolle für gewöhnliche Teppiche zukaufen, müssten Manfred und Mehmet nicht über die Hochweiden des Ostens wandern. Wolle gibt es inden Magazinen von Istanbul, Ankara und Erzurum genug - maschinengesponnene. Was aber für Bieber-Produkte-Teppiche wie vor 150 Jahren -  als unverzichtbare Voraussetzung gilt, ganz abgesehen von später zu bedenkenden Färbeverfahren und Musterursprünglichkeiten, das ist der Rohstoff handgewaschener, mühsam handgekämmter und ohne Spinnrad handversponnener Bergschafwolle. Hier auf Cemce-Yayla arbeiten die Zeltgemeinschaften schon länger für das deutsch-türkische Gespann Manfred und Mehmet. Flocken feinen Wollvlieses um die Unterarme geschlungen, stehen Frauen und Mädchen malerisch über Dorf und Weide verteilt, in ihre Arbeit vertieft, mit dem uralten Gerätder Handspindel gedrillte und verzwirnte Fäden auszuspinnen. Die meist harten Preisgespräche über das begehrte Material zu führen, ist Sache der Männer.

Der Yaylascheich lädt ein zum Gang von Zelt zu Zelt. Aus dunklem, braun schwarzem Ziegenhaar gewebt das Dach der langgezogen -viereckigen Wohnzelte, nach Gestalt und Funktion von dem Anthropologen Felix von Luschan 1886 so beschrieben, wie man sie antrifft bisin unsere Zeit: ”... auf neun Stangen ruhend, miteinem Frauen- und Männer gemach, völlig luftig und durch die lockeren Maschen des Gewebes auch hell und nach außen durchsichtig, dabei völlig wasserdicht.” Bei jedem Zelt gibt es Tee. Yoghurt und im Erdofen Tandir gebackenes Fladenbrot müssen gekostet werden. Journalist Christoph, ausgebildeter Sanitäter, verbindet schmerzende Wunden, verarztet ein verbrühtes Knie, verabreicht Augentropfen und Salben gegen Ausschlag und Krätze. Ehrfürchtig wird er von da an als “sayinDoktor Bey” angesprochen. Am Dorfrand brennen mehrere kleine Feuer, Brandeisen liegen in der Glut. Rauch steigt auf, es stinkt nach Horn und Wolle. Schafe werden gebrandmarkt. Die weiblichen Tiere erhalten ihre Kennzeichnung hinter den Ohren, die Widder zusätzlich waagerechte Brandstriche auf der Nasenwurzel. Schafemelken ist Frauensache. Die Männer holen die Herde herbei, schaffen Ordnung, halten störrische Tierefest, haben ihren Spaß dabei. Wie selbstverständlichgehen sie den Frauen zur Hand und arbeiten mit ihnengemeinsam - bezeichnendes Merkmal nomadischen Zusammenlebens -, wo immer männlicher Beistand vonnöten ist. Manfred war bei einem der Zelte zurückgeblieben. Auf altem Kelim sitzend, trank er seinen Tee, palaverte mit dem Hausherrn. Manfred war in den achtziger Jahren Auslandslehrer im Istanbul Erkek Lisesi und spricht ein waschechtes Türkisch. Jetzt folgt er den Freunden nach, ein farbiges Bündel unterm Arm. Er hat den Kelim, auf dem er saß, gekauft. Es ist ein für Hakkari typisches Stück, stammt nicht von den Cemceleuten. Festes, flaches Gewebe, kleingemusterte Zeichnung. Zwischen zwei einander begegnenden Farben jeweils nur sehr kleine Kelimfugen. Dunkles Blau mit kaltgrünem Schimmer, Schwarz, düsteres Rot, Orange in Spuren und wenig Elfenbein. Mit dieser Couleur wirkt das von kleinem Nomadenwebstuhl kommende Stück, zwei schmale Teile in der Mitte zusammengenäht, nicht gerade traurig, aber doch ernst und hintergründig. Die Musterung ist beheimatet im weltfern abgeschiedenen anatolischen Südostzipfel, wo wilde Bergwelt schwierige Grenzen schafft gegen Irak und Iran. Ganz ähnliche Kelimexemplare zählen im Museum von Vanzum wertvollsten Besitz. Vorherrschend ein Rapport von Schlangenleibern, mehrmals rechtwinklig geknickt, so dass die dreieckigen Köpfe am vorderen und hinteren Ende der Schlange sich jeweils ins Gesichtsehen. Sanduhr-Mustern an allen leeren Plätzen, als Glückszeichen geltende Vogelschwingen, liegende S, T-Borten, Dreiecke, Haken. Weder Stundengläser noch Schlangen oder Vogelform sind als realistisch gemeinte Darstellung gesichert. Alles ist Ornament, Schmuckbild. Aber diese Nomadenornamentik blieb von Teppichhandel und Zeitgeschmack unberührt. Von Generation zu Generation weitergegebenes Erbgut, “demUrgrund der Seele” entstammende Formulierung vonKultur und Kunst aus der Tiefe der Zeit. Wie britische Ausgräber im türkischen Catal Hüyükverwundert feststellten, gab es kelimartig gemusterteNischenvorhänge und Wanddekorationen schon mehreretausend Jahre vor Christi Geburt. Vom achten nachchristlichen Jahrhundert an waren größere und kleinere Familienverbände von Turknomaden aus Innerasien indie heutige Türkei eingedrungen. Marco Polo kam 1271 während seiner großen Reise nach China zu dem Urteil “die besten und schönsten Teppiche der Welt” gäbe esin Anatolien. Auf den von Herbergen des Sultanats gesäumten Handelsstraßen der Seldschuken und Osmanentransportierten in der Folgezeit die Karawanen venezianischer und genuesischer Kaufherren türkische Teppiche in das allmählich auf die wundersamen Knüpferzeugnisse aufmerksam gewordene Europa.

Ihren künstlerischen Höchststand erreichte die Teppichkunstwohl im 15. und 16. Jahrhundert. Dann wurde in Flandern und Frankreich der bilderreiche Gobelin erfunden. Industrielle Webereien - den Anfang machten Fabriken in England - warfen Maschinenteppiche auf den Markt. Die Formate passte man einheimischen Wohnverhältnissen an. Die orientalischen Muster wurden umgezeichnet, gelängt, verzogen,vermischt, westlichem Geschmack zugänglichergemacht. Die Ursprungsländer spielten mit. Wahrheitund kennzeichnende Eigentümlichkeit der Muster blieben auf der Strecke. Kasak-, Afghan-, Isfahan-Ornamentik kommt heute auch aus Indien und Pakistan. Großmanufakturen haben Scharen von Frauen an ihrenK nüpfstühlen sitzen, die möglichst schnell, möglichst gewinnträchtig für Hersteller und Händler, nach Maß und Muster landschaftsunabhängig das erzeugen, was Europas Warenhäuser und die Boutiquen in den Tourismuszentrender Teppichländer als derzeit besonders gefragt und leicht gängig ausgemacht haben. Für den Hausgebrauch von Dörflern und Zeltbewohnerngefertigte Textilien galten biedermeierlicher Bürgerlichkeitals grob und unfein. So spielten bäuerliche Familienstücke, Kelims und Teppiche in alltäglicher Verwendung als Kinderwiege, Krankenlager, Gebetsmatte, Satteltasche, Getreidesack nie irgendeine kommerzielle Rolle. So blieb. was das Nomadenmädchen in seinen Hochzeitsteppich knüpft, Ornament-Eigenbesitz von Volk und Stamm, weitergereicht von den alten Damen im Frauengemach der schwarzen Zelte an Töchter und Enkelinnen. Die alte Dame der Cemce-Yayla, fürstliche Gattin des obersten Herren der Herden, zeigt der fremden Frau, die da Maskenbildnerin ist eines fernen Theaters, höchste Gunst. Sie hüllt die Europäerin in stammestypische Yaylakleidung. Und da Theaterleute neugierige Wesensind, verspielt und beherzt, lässt sich die hellhäutige Ausländerin in nomadenkosmetischer Zeremonie die braunen Haare mit Henna rot färben. Was am Abendbei aufmunternd -amüsiertem bis beißend-spöttischem Zuspruch der Männer mit graugrün angerührter Pasteeingeschmiert auf ihrem Kopf unter vergilbtem Zeitungspapier verschwand, entschleierte sich am nächsten Tag - von der gesamten Weiblichkeit des Lagers unermüdlich unzählige Male mit Wasser gespült - in leuchtendem Kastanienrot. Die Männer sparen nicht mit Anerkennung. Journalist Christoph schreibt Tagebuch. Dr. Manfred Bieber studiert Teppichmuster. Der Kunsthistoriker Heinz Hegebart, Sachverständiger für orientalische Traditionsgewebe, nennt im Ausstellungskatalog “Anatolische Dorfteppiche” des NiederrheinischenMuseums für Volkskunde und Kulturgeschichte(Kevelaer 1988) diesen Dr. Manfred Bieber “einen der jüngsten deutschsprachigen Pioniere des Orientteppichs”. Sein Ziel ist, mit dem Physiker und Freund Bernhard Fröhlig zusammen, im Kavacik-Projekt in Vergessenheit geratene Naturfärbung wiederzubeleben  und “auf altmodische Art” Teppiche so herzustellen, wie dies vor 150 Jahren üblich war. Aus Blüten, Blättern, Früchten, Schalen, Rinden, Wurzeln, im Schatten getrocknet, zerrieben, gemahlen, im Mörser zerstoßen, gewinnt Färbermeister Mehmet seine Grundstoffe. In langwierigen Arbeitsgängen zaubert er daraus brillante Naturfarben. Seine nomadische Verwandtschaft steuerte Wissen bei. Wochenlange Fermentation in Yoghurtwasser mit Weizenkleie und Sauerteig schließt das Wollhaar auf, stabilisiert die Farbe im Garn, erhöht die Licht- und Waschechtheit. Manfred Bieber prüft mit Rasterelektronenmikroskop, führt lange Fachgespräche mit seiner Knüpfmeisterin Susan Altin aus Malatya, holt die Muster aus den berühmten Teppichmuseen Istanbuls - und von den Yaylas der Nomaden. Die Cemceleute sind keine ganzjährig wandernden Hirten mehr. Ende September werden Packpferde und Esel, Hausrat und Zelte hinunter nach Cumacay transportiert, wo die Lastwagen warten. Die Frauen, mit ihnen Zelte, Kissen und Polster, Käse- und Milchgeschirr, Seihtücher, Backbleche für Fladenbrot, Butterfässer, Schafscheren, Spindeln, die Wollvorräte, soweit nicht von Manfred und Mehmet übernommen, und die Kinder lassen sich auf den Ladeflächen nieder. Es gehtzu den festen Quartieren in den Dörfern bei Igdir am Ararat. Die Männer legen die rund hundert Kilometer, zusammen mit den Tieren langsam über die Berge pilgernd, zu Fuß zurück. Breite Frontgewitter haben um diese Zeit meist schon den Sommer verabschiedet, mit Regengüssen, Graupelschauern und ersten Schneeflockenden harten Winter des Ostens angekündigt. Die steifen Filzmäntel über den Schultern gegen die Kälte der Nächte, mit der verbeulten und verrußten, unentbehrlichen Teekanne, in Begleitung der Herden und Hunde, ziehen die Hirten ihren Weg. Tausend Jahre früher war das Bild nicht sehr viel anders. Teppiche und Kelims, Familienalben der Nomadenclans, wissen davonzu erzählen.

Diese Teppiche und Kelims legen Zeugnis ab von der kulturschöpferischen Kreativität der Hirtenvölker. Analphabetische Bäuerinnen entwickelten in jahrhundertealter Tradition Methoden, Schafwolle zu Garn zuspinnen, daraus wärmende Matten zu knüpfen und Zeltstoff zu weben. Und sie vervollkommneten und erhöhten solche Gebrauchsware unter ornamenthafter Einbringung von Mythos, Gebet und Beschwörung zum künstlerisch ausgefertigten Dokument: Kultur des Nomadenteppichs, geheimnisvolle Botschaft aus steppenhaftgebirgigem Abseits.